Was ist Schmerz?

Es ist eine vertraute Situation in vielen Praxen für Rolfing® Strukturelle Integration: Jemand kommt mit anhaltenden Schmerzen und verlässt die Praxis mit mehr Bewegungsfreiheit, leichterem Atem und einem besseren Körpergefühl. Doch was geschieht dabei eigentlich? 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst eine grundlegendere Frage stellen: Was ist Schmerz? 

Viele Menschen gehen intuitiv davon aus, dass Schmerz zuverlässig widerspiegelt, was im Körpergewebe geschieht. Wenn etwas weh tut, muss etwas beschädigt sein. Entsprechend bedeutet Schmerzlinderung, den geschädigten Bereich zu reparieren. Diese Sichtweise entspricht dem biomedizinischen Schmerzmodell und prägt bis heute viele therapeutische Ansätze. 

Die Schmerzforschung der vergangenen Jahrzehnte zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Schmerz ist keine direkte Abbildung von Gewebeschäden. Er lässt sich besser als ein Warnsystem verstehen, dessen Aufgabe darin besteht, den Körper zu schützen. Gewebeschäden können durchaus eine Ursache von Schmerzen sein, doch der Zusammenhang ist oft komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Gerade bei chronischen Schmerzen spielen weit mehr Faktoren eine Rolle als allein strukturelle Schäden. 

 

Woher wissen wir das? 

Besonders deutlich wird dies anhand von Situationen, in denen Schmerz und Gewebeschäden nicht übereinstimmen. 

Ein bekanntes Beispiel sind sogenannte Phantomschmerzen. Betroffene empfinden Schmerzen in einem Körperteil, der gar nicht mehr vorhanden ist. Nicht im verbliebenen Gewebe, sondern scheinbar im leeren Raum. Obwohl kein entsprechendes Gewebe mehr existiert, ist der Schmerz real. Noch bemerkenswerter ist, dass sich solche Schmerzen manchmal durch Verfahren wie die Spiegeltherapie lindern lassen. Dabei wird nicht am Körper selbst gearbeitet, sondern an der Art und Weise, wie das Gehirn den fehlenden Körperteil repräsentiert. Dies zeigt, dass Schmerzen nicht allein durch Gewebezustände erklärt werden können. 

Ein weiteres Beispiel ist die Wirbelsäule. Auf bildgebenden Verfahren wie MRT-Aufnahmen erscheinen Bandscheibenvorwölbungen häufig als offensichtliche Ursache für Schmerzen. Tatsächlich zeigen Studien jedoch, dass solche Veränderungen mit zunehmendem Alter sehr häufig auftreten - auch bei Menschen ohne Beschwerden. Untersuchungen zeigen, dass etwa 88 Prozent der Menschen ohne Nackenschmerzen Bandscheibenvorwölbungen aufweisen. Strukturelle Veränderungen und Schmerzen stehen also nicht immer in einem einfachen oder vorhersehbaren Zusammenhang. 

Aus diesem Grund kann bei unspezifischen Rückenschmerzen eine frühe Bildgebung manchmal sogar nachteilig sein. Die Befunde korrelieren oft nur schwach mit den tatsächlichen Schmerzen. Gleichzeitig können sie dazu führen, dass Menschen nach einer vermeintlichen strukturellen Ursache suchen, die mit den Beschwerden möglicherweise wenig zu tun hat. 

Auch im Alltag lässt sich beobachten, dass Schmerz nicht immer direkt mit dem Zustand des Gewebes zusammenhängt. Unsere Schmerzwahrnehmung verändert sich im Laufe des Tages. Stimmung, Stress, Aufmerksamkeit oder Ablenkung können beeinflussen, wie intensiv wir Schmerzen erleben - obwohl sich die zugrunde liegenden Gewebe in dieser Zeit nicht verändert haben. 

 

Wenn Schmerz nicht allein aus dem Gewebe kommt - woher dann? 

Wenn Schmerz also kein direkter Ausdruck dessen ist, was im Gewebe geschieht, was ist er dann? 

Heute wird Schmerz als ein Schutzprozess verstanden. Auch wenn der Zustand des Gewebes weiterhin ein wichtiger Teil des Gesamtbildes sein kann, spiegelt Schmerz die Interpretation einer deutlich breiteren Palette von Informationen durch das Nervensystem wider - Informationen, die mit Schutz und Überleben zusammenhängen. 

In den meisten Fällen funktioniert dieses System ausgesprochen gut. Menschen, die aufgrund seltener genetischer Besonderheiten keinen körperlichen Schmerz empfinden können, haben beispielsweise oft eine deutlich geringere Lebenserwartung, weil wichtige Warnsignale fehlen. 

Das bedeutet nicht, dass man sich Schmerzen einfach „wegdenken“ kann. Es bedeutet jedoch, dass das Nervensystem eine große Bandbreite an Informationen berücksichtigt - von anatomischen Strukturen und physiologischen Prozessen bis hin zu Verhaltensweisen und Umwelteinflüssen -, wenn die Schmerzerfahrung entsteht. Deshalb können Faktoren wie Aufmerksamkeit, Erwartungen, Emotionen oder Stress die Schmerzwahrnehmung nachweislich beeinflussen. 

 

Wenn das Warnsystem ein Eigenleben entwickelt 

Dieses Schutzsystem kann auch aus dem Gleichgewicht geraten. 

Beim Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen kann das Warnsystem zunehmend sensibilisiert werden und weniger eng mit dem aktuellen Zustand des Gewebes zusammenhängen. Chronische Schmerzen beruhen teilweise auf anderen Mechanismen als akute Schmerzen und gehen mit veränderten Prozessen im Nervensystem einher. Man könnte sagen: Das Schmerzsystem entwickelt ein gewisses Eigenleben. 

Wenn dies geschieht, kann die ausschließliche Suche nach einer vermeintlich geschädigten Struktur problematisch werden. Sie lenkt die Aufmerksamkeit häufig auf anatomische Erklärungen, während andere Faktoren, die möglicherweise wesentlich zum Schmerz beitragen, unbeachtet bleiben. 

 

Was bedeutet das für die Praxis? 

Für Praktiker kann dieses Verständnis sehr hilfreich sein. 

Wenn der Zusammenhang zwischen Gewebe und Schmerz komplexer ist als lange angenommen, bedeutet das auch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Ansätze benötigen können. Wer die individuellen Faktoren versteht, die die Schmerzerfahrung eines Menschen beeinflussen, kann seine Arbeit gezielter auf den jeweiligen Klienten abstimmen. 

Dieses Verständnis erweitert auch die Perspektive darauf, wie Rolfing® Strukturelle Integration Menschen mit Schmerzen unterstützen kann. Neben möglichen Veränderungen im Bereich von Faszien und Muskulatur kann die Arbeit auch umfassendere physiologische und wahrnehmungsbezogene Prozesse beeinflussen, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Schmerz beteiligt sind. 

Die Sprache der modernen Schmerzforschung erleichtert zudem den Austausch mit Klienten und anderen Gesundheitsberufen. Sie kann dazu beitragen, dass Menschen ihre Schmerzen besser verstehen, und unterstützt die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen sowie die Einschätzung, wann eine Weitervermittlung sinnvoll ist. 

Angesichts der Tatsache, dass etwa jeder fünfte Erwachsene mit chronischen Schmerzen lebt und Schmerzen zu den häufigsten Gründen gehören, warum Menschen einen Rolfer® aufsuchen, ist dieses Thema alles andere als eine Randerscheinung. 

 

Pain Science for Rolfers® 

Mit dem achtwöchigen Online-Kurs Pain Science for Rolfers® and Structural Integrators möchten wir die Brücke zwischen dem klassischen biomedizinischen Schmerzmodell und den Erkenntnissen der aktuellen Schmerzforschung schlagen. 

Der Kurs vermittelt ein umfassendes und aktuelles Verständnis von Schmerz und beschäftigt sich abschließend mit aktuellen Theorien und Forschungsergebnissen zu den Mechanismen, über die Rolfing Strukturelle Integration Menschen mit Schmerzen unterstützen kann. 

 

Über die Autoren & Dozenten 

Tim Cacciatore, PhD, erforscht die Neurowissenschaften des Haltungstonus sowie die Wirkmechanismen somatischer Methoden. 

Mari Hodges, MScMed, verfügt über eine vertiefte Ausbildung im Schmerzmanagement und langjährige klinische Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit chronischen Schmerzen. 

Als zertifizierte Lehrer der Alexander-Technik verbinden beide wissenschaftliche Expertise mit praktischer Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit Schmerzen. Gemeinsam haben sie diesen Kurs entwickelt, um aktuelle Erkenntnisse der Schmerzforschung in einen praxisnahen Kontext für Rolfing Strukturelle Integration zu übertragen. 

Um sicherzustellen, dass die Inhalte die Perspektive von Rolfing Strukturelle Integration angemessen berücksichtigen, wurde der Kurs in Zusammenarbeit mit der European Rolfing Association und dem Certified Rolfing® Instructor Jakob Reichardt entwickelt. 

 

Für wen ist dieser Kurs geeignet? 

Rolfer, Strukturelle Integratoren, Rolfing Studenten, Faszientherapeuten, Myofascial-Release-Praktiker sowie weitere Körperarbeitende, die ihr Verständnis von Schmerz auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse vertiefen möchten. 

Kursbeginn: 27. Oktober 2026 

Weitere Informationen und Anmeldung

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Die Inhalte dieses Blogartikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information über Rolfing® Strukturelle Integration. Sie ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Für gesundheitliche Anliegen wenden Sie sich bitte an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal. Rolfing® und Rolfer® sind eingetragene Marken des Dr. Ida Rolf Institute® und seiner Partnerorganisationen. Ergebnisse und Erfahrungen mit Rolfing® können individuell variieren. Die Autoren übernehmen keine Haftung für Schäden oder Verluste, die durch die Anwendung der hier beschriebenen Inhalte entstehen.